Eine Kunde beschwerte sich an der Kasse über einen anderen Kunden, der ihn vor dem Leergutautomaten aufgrund einer Meinungsverschiedenheit mit CS-Gas besprüht haben soll.
Statt irgendwelche Konsequenzen einzuleiten oder abzuwarten verließ der Mann direkt nach dem Bezahlvorgang mein Geschäft. Im Bereich rund um den Leergutautomaten war von Reizgas überhaupt nichts zu spüren – einzig ein riesengroßes Fragezeichen schwebt seit dem in der Luft…
Ein Kunde wollte Wurst zurückgeben, die er am Freitag gekauft hatte. Auch wenn er sich da in der Sorte vertan hat und er die gekaufte nicht mag – das ist nun einfach mal Pech für ihn. Kühlpflichtige Artikel zurückzunehmen ist sowieso immer problematisch bis unmöglich, aber woher soll ich denn wissen, wie die Ware die letzten fünf Tage verbracht hat? Abgesehen von den Außentemperaturen haben viele Leute ihre Kühlschränke "aus Energiespargründen" relativ warm eingestellt – vom mittlerweile reduzierten Haltbarkeitsdatum der Wurstpackung mal ganz zu schweigen…
Aber wenigstens hatte er Verständnis für unsere Situation.
Berechtigt es eigentlich zu einem Mord, wenn man von einem Kunden um diese Zeit fröhlich gefragt wird: "Na, ausgeschlafen?"
Oder geht das wegen der nicht vorsätzlich geplante Affekthandlung lediglich als Totschlag durch? Oder entlastet einen die vorangegangene Frage eventuell sogar vollständig?
Seit ein paar Stunden schon habe ich zwar dieses Gefühl, aber jetzt erst ist es mir richtig bewusst geworden: Wir haben heute auffällig viele Kunden, die sich hier im Markt nicht auskennen und auch vieles aus unserem Sortiment besonders kritisieren oder loben und darüber auch teilweise in kleinen Gruppen sehr ausgiebig diskutieren.
Es fällt schon auf, da wir hier ansonsten überwiegend Stammkundschaft haben. Weiß jemand mehr, ist gerade irgendeine größere Veranstaltung in Bremen los?
Eine ältere Stammkundin sprach mich eben an: "Es ist schön, dass Sie die BILD-Zeitung wieder haben."
Wahrheitsgemäß antwortete ich, dass ich dennoch überlege, den Schritt wieder rückgängig zu machen und dass die teilweise menschenverachtende Berichterstattung der letzten Wochen Grund genug dafür sei.
Antwort: "Ach, das ist egal. Wir lesen die immer und ich kenne noch ein paar andere alte Leute, die die hier auch immer kaufen."
Dass die Ware hinten in den Regalen immer viel länger haltbar ist als vorne, weiß ja jeder Kunde. Bei Molkereiprodukten kann die Differenz gerade für kleine Haushalte entscheident sein. Bei Artikeln, die nicht im Kühlregal gelagert werden müssen, spielt es oft keine Rolle. Aber das muss jeder für sich entscheiden.
Dann gibt es Kunden, die quasi blind immer die Ware von hinten nehmen – auch wenn der gesamte Regalbestand das selbe Datum trägt.
Wie auch immer: Solange die Artikel, die vorher im Regal ordentlich standen nicht hinterher unordentlich durcheinanderliegen ist mir das fast egal. Aber diese eine Kundin da vorhin hätte ich eigenhändig würgen können.
Gerade wir hier werden von unseren Kunden im Allgemeinen vermutlicher eher lockerer angesprochen, als es in anderen Supermärkten der Fall ist. Bei vielen Kunden sind wir mit den Vornamen bekannt und das ist auch vollkommen okay so.
Aber "Hey, Du da!" ist selbst mir dann doch etwas zu lax.
Eine Kundin rief an und erkundigte sich, ob wir eine spezielle Sorte Kartoffelchips in ausreichender Menge vorrätig hätten. "Ich brauche 20 Tüten Crunchips Paprika, berichtete sie und ergänzte, dass es aber bis zum nächsten Wochenende reichen würde.
Ich versprach ihr, zwei zusätzliche Kartons zu bestellen und wollte mich gerade verabschieden, als die Anruferin nochmal nachfasste: "Sie wissen, aber welche ich meine, oder? Crunchips. Die schreiben sich aber nicht mit A, sondern C - R - U - N - C…"
Weiter kam sie nicht, da ich sie mitten in der Aufzählung unterbrach. Natürlich wusste ich, wovon sie redet, schließlich hatten wir gerade zwei Minuten zusammen über diese Chips gesprochen..!
Eine Kundin erkundigte sich nach einem Mitarbeiter, der seit einigen Wochen krank ist und über dessen weitere Zukunft wir nicht genau Bescheid wissen. Selbst wenn ich etwas wüsste, hätte ich es ihr nicht erzählt – aber ich ging davon aus, dass ihr ein diffuses "Er ist wohl krank und wird eventuell auch nicht mehr wiederkommen." reichen würde.
Ihre Antwort: "Dann schicken Sie ihm doch mal eine Abmahnung!"
Ein leicht heruntergekommener und angetrunkener Kunde gab zu, dass er zwar tatsächlich woanders schon geklaut hat und dazu insgesamt "eine menge Scheiße laufen" hätte, aber doch nicht so dämlich wäre, ausgerechnet in seinem Stammladen um die Ecke zu klauen.
Ein (mittlerweile) Ex-Kunde mitsamt seiner Partnerin, die im Haus auf der anderen Straßenseite wohnen, hatte vor rund einem Jahr deutlich weniger Weitsicht.
Nach einer Weile des Grübelns kamen wir dann darauf, dass das von der Kundin gesuchte "Dragonbrot", so zumindest hatte mir eine Mitarbeiterin das Anliegen ins Büro übertragen, in Wirklichkeit ein ganz profanes "Dreikornbrot" war.
Ein Kunde, der so wenig kaufte, dass ich von mir aus nicht drauf kam, dass er eine Tüte benötigen könnte, blaffte mich an, ich solle ihm eine Tüte berechnen, ich entgegnete, dazu müsste ich wissen, welche Tüte.
"Egal, welche." (Hätte die Riesentüten für € 1,79 nehmen sollen.)
Ich blieb freundlich, buchte keine Tüte, sondern wartete ab, für welche sich der Kumpel des Kunden entscheiden würde, der ganz gemütlich den Tütenstapel umwälzte. Er brauchte ein wenig für die Formulierung, vielleicht löst er Auseinandersetzung sonst mit nonverbaler Kommunikation, aber unvermittelt spie der Kunde mir die Äusserung entgegen "Wenn ich dein Chef wäre, ich hätte dich jetzt entlassen!!"
Aha. Interessant. "Warum genau? Warum jetzt?"
Die Nachfrage versetzte ihn regelrecht in Rage: "Wenn ich dein Chef wäre, ich hätte dich entlassen, weil du nem Super-Kunden keine Tüte ... äh" – "weil ich nem Kunden, der vielleicht keine Tüte braucht, keine Tüte aufdränge, und als er zu erkennen gibt, dass er eine Tüte benötigt, rate ich nicht zu der teuersten Tüte?"
"Ja genau!"
An dieser Stelle sich das Meme vorstellen "That escalated quickly…"
Sein Kumpel, der Stammkunde war, konnte den Dialog nicht mehr ertragen: "Du bist Chef von nix, ausser nem Bauchladen, und ich will hier weiter einkaufen, also mach mal nen Flachpass."