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Ein Robin Hood?

In der vergangenen Woche fand hier eines Abends im Laden eine sehr sonderbare Begegnung statt, die mich für den Rest des Tages sehr beschäftigte. Inzwischen geht es mir wieder etwas besser, aber auch in den folgenden Tagen musste ich sehr viel darüber nachdenken und so richtig glücklich bin ich bis heute nicht. Ändern kann ich es aber nicht mehr und letztendlich trifft uns auch keine direkte Schuld. Der junge Mann, um den es hier geht, hatte sich zumindest an einem Punkt falsch verhalten und damit eine Ereigniskette ausgelöst, an der wir hier mit mehreren Kollegen beteiligt waren und die mich rückwirkend betrachtet überhaupt nicht glücklich stimmt.

Was war passiert?

Ines war an dem Tag unser "Türsteher" und hat die Einkaufswagen an die eintretenden Kunden verteilt, damit wir hier die Personenanzahl im Blick behalten können. Plötzlich rief sie mich an, weil ihr aufgefallen war, dass ein etwas verwahrlost wirkender junger Mann "irgendetwas" essen würde. Sie war sich nicht ganz sicher, meinte jedoch, ein Stück aus unserem Brotregal identifiziert zu haben.

Mit Hilfe der Videoanlage sah ich seinem Treiben zu. Immer wieder lüpfte er seine Mund-Nase-Bedeckung, um von einem Gebäckstück abzubeißen. Als er damit fertig war, ging er erneut zum Brotregal, nahm sich einen Berliner aus der Auslage und schob sich auch diesen heimlich zwischen den Gängen Bissen für Bissen unter seine Maske. Alles klar, das kann er bezahlen. Immerhin hatte er auch ein Teil in seinem Einkaufswagen liegen und würde damit wohl früher oder später zur Kasse gehen.
Dem war jedoch nicht so. Er stellte das Paket Milch wieder zurück ins Regal, nahm sich seine Tasche und wollte unter dem Vorwand, dass es ihm gerade zu voll sei, den Laden verlassen.

Was in den folgenden Minuten passierte, war sehr emotional. Zunächst wollten wir ihn nur zur Rede stellen und ihn darauf hinweisen, dass das, was er da gerade getan hatte, nicht korrekt ist und eigentlich als Diebstahl gilt. Da er überhaupt nicht einsichtig war und gleich laut wurde, schalteten wir reflexartig auf das gewohnte Ritual um und ließen ihn nicht gehen und forderten seinen Ausweis für eine Anzeige. Der Mann wollte jedoch nicht mitwirken, sondern versuchte, zu flüchten. Ein Kollege wollte ihn festhalten, aber der Mann riss sich los und stürmte in Richtung Tür, die ein anderer Kollege von außen abgeschlossen hatte. Da die Szene immer lauter wurde und ich fürchtete, dass der Mann gewalttätig werden könnte, rief ich die Polizei an. Nicht wegen des wertmäßig beinahe belanglosen Diebstahls, "Mundraub" gibt es ja schon lange nicht mehr, sondern aufgrund der inzwischen entstandenen Gesamtsituation, die wirklich hässlich war.

Zum Glück entspannte sich die Sache auch relativ schnell wieder. Wir schafften es, mit dem jungen Mann zu reden, die Polizei wurde wieder abbestellt und mit ein bisschen Kleingeld, das er bei sich führte, durfte er den entstandenen Schaden bezahlen. Eine Anzeige bekam er nicht, aber ich gab ihm noch ein Hausverbot mit auf den Weg und wünschte ihm ein Nimmerwiedersehen.

Danach sah ich mir die Videoaufzeichnung noch einmal in Ruhe an. Vielleicht hatte er ja nicht nur auf unsere Kosten gegessen, sondern auch noch andere Dinge eingesteckt. Dann wäre es jetzt vermutlich auch egal gewesen, aber ich wollte zumindest diese Erkenntnis noch gewinnen.

Eingesteckt hatte tatsächlich etwas. Nämlich zunächst für fast drei Euro Leergut in den Automaten und anschließend den Bon in unsere Elepfandspendenbox!

Sprachlos sah ich auf den Monitor der Videoanlage. Und nicht nur das, jetzt machten auch einige seiner im vorhergehenden Tumult zunächst unverständlichen Aussagen einen Sinn. In seinem Mindset hatte er sein Geld, immerhin mehr als das Doppelte des Wertes der von ihm aufgegessenen Artikel, für die Elefanten gespendet und sich dafür ein bisschen was von einem großen Unternehmen, dem der Verlust nicht schadet, wiedergeholt. Ich war wirklich gerührt. Auf der Straße fand ich ihn leider nicht mehr an und auch als ich bis zur Kreuzung ging, manchmal warten dort Leute auf den nächsten Bus oder die nächste Straßenbahn, war er dort nicht zu sehen. Schade, ich hätte gerne noch einmal mit ihm in Ruhe geredet und dabei ein paar Dinge geklärt und ihn auch wieder zu uns eingeladen.

Es war definitiv nicht korrekt von ihm, hier im Laden einfach fremde Dinge zu essen. Damit hatte er die ganze Situation letztendlich erst provoziert.

Ich schwöre euch, hätte er es kommuniziert, quasi ein "ich möchte eine Spende für die Elefanten gegen etwas Essbares für mich tauschen", wäre das sicherlich mit mir verhandelbar gewesen.

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Comments

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Hendrick on :

Die Geschichte hat mich berührt. Wirklich.

Deine Gedanken im Nachgang dazu zeigen, was für ein guter Mensch Du bist.

Vielleicht bekommst Du ja noch die Gelegenheit zu einem Gespräch mit ihm, ich würde es Dir wünschen. Ihm auch!

Subbordhodlain on :

„Tolle“ Argumentation, Diebstahl mit einer Spende zu rechtfertigen.... kopfschüttel

ShadowAngel on :

Und dann wird das auch noch positiv abgefeiert. Schon wahnsinn, wie verweichlicht die Menschheit mittlerweile geworden ist...
Diebstahl bleibt Diebstahl.
Und ich möchte mal ganz gezielt unterstellen, das dieser Mensch schauen wollte, ob diese Nummer funktioniert, ob der Ladenbesitzer nicht eine empathische Muschi ist, die es "rührend" und "herzlich" findet und deshalb ein Auge zudrückt - so das man es ja mal wieder probieren kann oder auch mal wo anders, denn wenn es einmal klappt...

Paul on :

Sehr lohnenswertes Konzept. Drei Euro spenden und dann für nen Euro fünfzig was essen. Lohnt sich total.

John Doe on :

Sehe ich auch so. Wenn ich wieder mal einkaufen gehe werfe ich auch meinen Pfandbon in die Spendenbox und bediene mich dann im Laden (Mundraub). Werde ich drauf angesprochen wehre ich mich, weil ich ja vorher was Gutes getan habe. Dann sollte doch Diebstahl in Ordnung gehen

SPages on :

Naja. Gespendet hat er ja freiwillig. Zu einem Diebstahl berechtigt eine Spende jedoch nicht. Meine Meinung.

Er ist vielleicht nicht der "normale Dieb", aber halt trotzdem ein Dieb.

Raoul on :

Ehrlich gesagt: So wie die Kommentare zwei bis fünf sehe ich das auch. Für mich bleibt das dennoch schlicht Diebstahl. Wenn ich im Supermarkt eine Fünf-Euro-Seife einstecke, kann ich mich ja auch nicht damit rausreden, daß ich zuvor einen Käsekuchen an die Tafel gespendet habe und nur sauber bleiben wollte.

Kassen-Kalle on :

Nur weil er sein Pfand spendet, soll er gratis aus dem Brotregal futtern dürfen? Eigenartige Logik, sehe ich ganz und gar nicht so. Vor allem ungefragt? Das hat nichts mit Robin Hood, sondern dummdreist zu tun. Auf solche "Kunden" solltest Du herzlich gerne verzichten können!

Frage für einen Freund on :

Die spannende Frage finde ich, warum beschäftigt dies so?
Du wurdest beklaut und vorher etwas zu Spenden ist dafür ja alles andere als eine Rechtfertigung, Dann flüchten zu wollen, sich loszureissen und sonstige Gegenwehr ist sicherlich auch nicht die feine Art und gefährdet dich und deine Mitarbeiter.
Das hat doch keine Logik. Ich spende für Unicef, darf ich deswegen jetzt im Supermarkt meines Vertrauens klauen? Weil ich ja sonst ein guter Mensch bin?
Wenn er kein Geld gehabt hat, hätte er den Bon auch einlösen können, sich das Essen kaufen und den Rest spenden.

Also ja wohl mehr ausrede, als Entschuldigung.
Warum war es ihm auf einmal zu voll? Er wollte dich beklauen und du findest das noch ok und siehst Fehler bei dir?
Auf keinen Fall!

kritischer Beobachter on :

Schonmal die Idee gehabt, dass der Typ vielleicht kein schlechter Mensch ist, sondern einfach nicht ganz alle Tassen im Schrank hat?
Die Logik erst etwas zu spenden und sich dann beim Aufsteller der Spendenbox einen kleinen Ausgleich zu holen, ist jetzt weniger kleinkriminell als ziemlich verquer.
Als Diebstahlrechtfertigungsmasche ausweitbar ist sie auch nicht.
Wenn man das rechtzeitig merkt, kann man -aber muss man nicht- auch ohne ein unverbesserlicher "Gutmensch" zu sein anders drauf reagieren, als wenn es plump der 20. Ladendieb ist.

eigentlichegal on :

Ich denke, dass viele Gescheiterte weder dumm noch böse sind, sondern ihre Werte und ihr Gerechtigkeitsempfinden einfach nur inkompatibel mit unserer Gesellschaft sind.
Wer zuerst an die Elefanten und dann an sich denkt, der schafft er hier halt nicht.

Stefan G. on :

"Wer zuerst an die Elefanten und dann an sich denkt, der schafft er hier halt nicht. "

Hast Du nicht mitgelesen?

Das hätte ihm hier sogar geholfen! Er hätte es nur in zusammenhängener Art und Weise - vor dem Fluchtversuch - so äußern müssen...

Santino on :

Das ist exakt der Typ, der dir bei der nächsten Demo das Schaufenster einschmeisst und sich bedient.

Rudolph on :

Ich kann mich den meisten Kommentatoren nicht wirklich anschließen.

Er ist ein Dieb. Ohne Zweifel.
Das macht ihn aber nicht per se zum schlechten Menschen.
Ein Mensch besteht nicht nur aus einer Eigenschaft oder einer Tat.

Er hat ein Herz. Das macht ihn sympathisch.

Aus meiner Sicht und mit den wenigen Infos würde ich sagen, dass er in seinen Ansichten fehlgeleitet ist und ein wirklich gutes Gespräch mit Björn ihm weiterhelfen könnte.

Dann würde er auch verstehen, dass er nicht den großen bösen Konzern bestiehlt, sondern einen Menschen, in dem Fall Björn. Das würde ihm zu denken geben.

Ich sehe da Hoffnung...

Marcel on :

Bin ich der einzige, den es stört, dass die Türe von außen abgeschlossen wurde, während noch andere Kunden im Markt waren?

e.g. John Doe on :

Ja, bist du.

AvN on :

Leute, was geht denn mit euch ab? :-O

Ja, die Logik "Essen gegen Spende" ist ein wenig seltsam und entspricht nüchtern betrachtet nicht den normalen Wertevorstellungen.

Das Leben ist jedoch nicht nur schwarz/weiß! Wenn man Björns Schilderungen und Menschenkenntnis Glauben schenken darf (und das tue ich), hat der Herr wohl nicht aus bösem Willen gehandelt und konnte seine Intention nur nicht klar formulieren. Ich kenne Björn ausschließlich aus dem Blog hier (und somit eigentlich gar nicht), seine Gedanken im Nachhinein finde ich jedoch Klasse! Hoffentlich ergibt sich in nächster Zeit eine Gelegenheit für ein klärendes Gespräch. :-)

Philipp on :

Björn ich finde deine Reaktion voll in Ordnung. Dass du ihn angesprochen hast als dir der Diebstahl aufgefallen ist, ist doch völlig normal. Er hat darauf komisch reagiert - auch irgendwie normal. Was ich nicht normal finde ist, dass du die Situation anschließend reflektierst und anders bewertest. Dafür Chapeau!

Nicht der Andere on :

Das zweifache "nicht korrekt" ist schon arg untertrieben. Sein Verhalten war einfach falsch, eogistisch, strafbar und so weiter. Vielleicht hatte er eine schwere Kindheit oder ist gerade aus irgend 'nem Grund nicht Herr seiner Sinne. Aber er kann sich doch nicht ernsthaft eigenhändig irgendeinen Anteil seines gespendeten Bons aneignen wollen. Sogar eine explizite Anfrage würde man selbst bei gutem Herz doch wahrscheinlich ablehnen. Er könnte sich ja einfach zwei anteilige Bons drucken lassen, einen spenden und den anderen für seine Wunschgüter verwenden. Null Aufwand, null Risiko, null Stirnrunzeln, null Ärger, null Gütebedarf.

Geschichte, Reaktion, Verhalten und Ablauf sind schon seltsam. Wenn du dich auf eine entsprechende Anfrage eingelassen hättest, zeigt das dein großes Herz. Aber falsch gemacht hast du absolut nichts. Und es ist ja nicht so, daß du irgendwo plakatiert hättest, daß du jede Spende um irgendeinen Prozentteil aufstockst.

Irgendwann diskutiert ein Ladendieb vielleicht auch mal, daß dein Schaden der eingesteckten Ware ja keineswegs dem Verkaufspreis entspreche, sondern allerhöchstens deinem Einkaufspreis. Und wenn du den nicht offenbaren solltest, daß du dann offenbar ein schlimmer Abzocker oder noch schlimmeres seist. Oder er rechnet dir vor, wieviel du bislang schon an ihm verdient hast mit regulären Einkäufen und er jetzt einen Teil davon als Cashback beanspruche.

Vielleicht siehst du ihn ja doch mal wieder oder er liest mal diesen deinen Blogbeitrag, und dann kannst du das Hausverbot immer noch stornieren. Aber schlechtes Gewissen muss nun wirklich nicht sein.

Panther on :

Ich verstehe es so, dass er entweder geglaubt hat, mit dem Einwurf des Bons an den Ladenbetreiber gezahlt zu haben oder es so einschätzt, dass die Spendenbons eh der Ladenbetreiber in die eigene Tasche wirft. Seine Reaktion auf die Vorwürfe sollte schlicht aufgetreten sein, weil es die meisten Menschen nicht eingestehen wollen, wenn sie eine Angelegenheit abweichend und ggf. unpassend beurteilt haben.

Und: Wenn er Hausverbot erhalten hat, dann doch mit Sicherheit auf Basis seiner Personendaten. Also liegt seine Anschrift doch vor? Aber irgendetwas haut sowieso nicht hin ... mal ist von Gebäck die Rede, mal vom Brotregal, mal von einer Auslage, mal von einem Berliner ... das passt doch gar nicht zusammen? :-O

Auch hat es mich schockiert, dass er "eingesperrt" wurde. Das ist bei _wirklich_ Gewaltbereiten absolut keine schlaue Idee (zumal das "Losreißen" damit ja schon einkalkuliert war), sollte die Gesundheit der Beteiligten mit eine Rolle spielen. Und das sollte sie gerade bei solchen Bagatellschäden ... Was nützt es, bestimmter Leute "habhaft" zu werden, wenn genau das einen viel wirkungsreicheren Schaden als den ursächlichen hervorruft?

Christi@n on :

Meine Meinung dazu: Er hat einen Diebstahl begangen, Björn das Recht auf vorläufige Festnahme ausgeübt. Und fertig. Ober er vorher einer alten Oma über die Straße geholfen hat ist in diesem Zusammenhang uninteressant.

Beim Umgang mit Menschen lernt man schnell wie wichtig es auch aus Eigenschutzgründen ist, sich nie des anderen Problems zu eigen zu machen. Hat er ein Problem mit der Welt und ein anderes Gerechtigkeitsempfinden als Du, dann berechtigt ihn das noch lange nicht, das Recht in die eigene Hand zu nehmen.

Natürlich darf man über seine Motivation hinter der Spende spekulieren, aber ergründen werden wir als Außenstehende das nicht. Das Reflektieren ehrt dich, Björn. Aber lass dich davon nicht auffressen!

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